Der Erbauer, Kaspar Jodok von Stockalper (1609-1691)
Der Stockalperturm in Gondo wurde erbaut von Kaspar Jodok von Stockalper (1609-1691), einem der bedeutendsten Schweizer Unternehmer im 17. Jahrhundert, Politiker, Mäzen, vor allem aber Herrscher über einen multinationalen Konzern. Er trieb Export- und Importhandel im grossen Stil. Stockalper war zu jener Zeit die wohl bedeutendste Persönlichkeit des Wallis.
Er nutzte die Wirtschaftslage des Dreissigjährigen Kriegs geschickt aus, brachte das Salzmonopol im Wallis in seine Hand und organisierte Verkehr und Transport über den Simplonpass neu, baute monumentale Gebäude (den Stockalperpalast in Brig, das alte Spittel am Simplon, den Stockalperturm in Gondo). Er erkannte die Wichtigkeit des Warentransports über den Simplon, wovon der vor einigen Jahren rekonstruierte Stockalperweg zeugt, der Saumweg, welcher über den Simplonpass führt und das Oberwallis mit Norditalien verbindet.
In Gondo und Zwischbergen trat durch den Warenverkehr über den Pass ein vollständiger Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse ein. Bauern gaben die Landwirtschaft auf und zogen zu Bauplätzen, Kalköfen, Goldminen oder arbeiteten als Ballenführer oder Angestellte in den Hospizen. Die anderen Alpenpässe haben durch den regen Handel am Simplon an Bedeutung verloren.
Mit 69 Jahren wurde Kaspar Jodok aller Ämter und Würden enthoben und musste im Jahre 1680 nach Domodossola flüchten, um sein Leben zu retten. Fünf Jahre später kehrte Stockalper triumphal nach Brig zurück. Kaspar Jodok ist als «König des Simplons» und «Grosser Stockalper» in die Geschichte eingegangen.
 
Der Turm, das Wahrzeichen von Gondo
Der Stockalperturm in Gondo wurde während der Jahre 1666 bis 1685 erbaut. Strategisch günstig beim Übergang ins Zwischbergental platziert, verschaffte der Turm dem Inhaber eine Übersicht über sämtlichen Verkehr, welcher sich auf dem Stockalperweg zwischen dem Wallis und Italien entwickelte. Der Stockalperturm diente als Warenlager und Umschlagplatz für die Güter, welche Kaspar Jodok von Stockalper in grossen Mengen über den Pass führen liess. Die Säumer (Führer der Lasttiere) konnten im Turm die Tiere versorgen oder auswechseln und für die Unterbringung der Säumer war auch gesorgt.
Ein weiteres Warenlager war das „alte Spittel“ unterhalb der Passhöhe und auch Teile des Stockalperpalasts in Brig dienten der Lagerung. Dadurch war Stockalper in der Lage, seine Güter zum jeweils günstigsten Zeitpunkt auf den Markt bringen, was sicherlich auch seinen Teil zum Reichtum Stockalpers beitrug.
Napoleon Bonaparte liess aus militärischen Gründen eine Strasse über den Simplon bauen („pour faire passer les canons“), über welche er seine Heere in Nord- oder Süd-Richtung verschieben konnte. Allerdings ist nicht bekannt, welchem Zweck der Turm während der Herrschaft Napoleons über den Simplon diente.
Der Stockalperturm in Gondo wurde auch als Herberge genutzt. Aus dieser Zeit ist die folgende makabre Geschichte überliefert. Da die Pferde noch zu den gängigsten Transportmöglichkeiten gehörten, hatte es ein damaliger Wirt auf die Sättel und das Zaumzeug der Reisenden abgesehen. Mehrere Gäste, welche im Turm nächtigten, hatten keine Möglichkeit mehr, das Gebäude zu verlassen. Der Wirt brachte sie um und verscharrte sie im Keller. Die Verbrechen wurden aufgedeckt, als eine Dame auf der Suche nach ihrem Gatten den Sattel ihres Mannes wiedererkannte.
 
Auch im lukrativen Schmuggelgeschäft, welches in Gondo noch nicht allzu lange zum Erliegen kam, spielte der Stockalperturm eine grosse Rolle. Wegen der grossen Lagerkapazität konnten sich die die Schmuggler im Turm mit den Gütern wie Rauchwaren und Kaffee eindecken, welche zu Fuss über die steilen Felsen am Zoll vorbei über die Grenze transportiert wurden. Der Schmugglerbrunnen neben dem Stockalperturm zeugt von der früheren regen Tätigkeit der Schmuggler.
Der Stockalperturm diente anschliessend noch als Werkstatt, Geschäft und Warenlager, bis im Jahre 2000 durch eine Hangmure ein Teil des Turmes weggerissen wurde. Mit der Hilfe der Schweizer Bevölkerung und verschiedener Institutionen wurde es möglich, den Stockalperturm in Gondo wieder aufzurichten und einer neuen Nutzung zuzuführen. Die Kantonale Denkmalpflege und der Heimatschutz haben sich sehr dafür eingesetzt, den Innenausbau des Turms sowohl möglichst authentisch als auch der heutigen Zeit angepasst ausführen zu lassen. Die unterschiedliche Darstellung des erhalten gebliebenen Teils und des Neubaus von aussen wie von innen ist gewollt.